Neue Blutspenderichtlinie: Jahresfrist fachlich nicht nachvollziehbar

Neue Blutspenderichtlinie: Jahresfrist fachlich nicht nachvollziehbar

Jahresfrist fachlich nicht nachvollziehbar.

HIV-Infektion lässt sich sechs Wochen nach Risiko sicher ausschließen.

Nach einer neu formulierten Richtlinie der Bundesärztekammer dürfen schwule und bisexuelle Männer fortan Blut spenden, sofern sie ein Jahr keinen Sex hatten. Dazu erklärt erklärt Norbert Karsunke vom Vorstand der AIDS-Hilfe Paderborn:

„Die neu gesetzte Frist ist fachlich nicht ableitbar. Sechs Wochen nach dem letzten Risiko kann eine HIV-Infektion heute sicher ausgeschlossen werden, das wäre eine nachvollziehbare Frist. Die meisten schwulen und bisexuellen Männer sind durch die Jahresfrist weiterhin unnötig von der Blutspende ausgeschlossen. Das geht einerseits nicht weit genug und ist andererseits eine Unverschämtheit. Nicht annehmbar und völlig unverständlich ist zudem die gesonderte Nennung von „transsexuellen Personen mit sexuellem Risikoverhalten“.

England und Schottland sind bereits weiter; dort gilt ab 2018 eine Frist von nur noch drei Monaten.

Der Europäische Gerichtshof hat 2015 geurteilt, dass ein Ausschluss nur soweit gerechtfertigt ist, wie sich Übertragungsrisiken nicht auf anderen Wegen reduzieren lassen.

Die Bundesärztekammer hat Ende der Woche die novellierte „Richtlinie zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Richtlinie Hämotherapie)“ online gestellt: http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/MuE/Richtlinie_Haemotherapie_2017.pdf

Thorsten Driller, Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Paderborn führt aus: „Schwule und bisexuelle Männer von der Blutspende pauschal auszusondern ist nicht mehr zeitgemäß, vielmehr ist bedeutsam, welche tatsächlichen HIV-Risiken im Einzelfall vorlagen. Natürlich ist es schwierig, diese Risiken vor einer Spende abzufragen, nicht zuletzt, weil manche Menschen nicht bereit sind, detailliert Auskunft über ihr Sexualleben zu geben.“

Der „freiwillige Selbstausschluss“ durch eine Befragung ist wichtig, denn bei den Tests von Blutspenden auf HIV wird ein kleiner Teil HIV-infizierter Blutspenden nicht erkannt. Der Grund: Nach der Infektion dauert es einige Zeit, bis HIV im Blut nachweisbar ist. Zwar werden heute auch sogenannte PCR-Tests eingesetzt, die das Virus früher nachweisen können als die sonst üblichen Tests auf Antikörper. Doch auch bei PCR-Tests bleibt eine Lücke von etwa ein bis zwei Wochen.

Die Kombination dieser Tests mit dem „freiwilligen Selbstausschluss“ sorgt dafür, dass Blutprodukte in Deutschland sehr sicher sind. In Deutschland kommt etwa eine HIV-infizierte Blutspende pro Jahr in Umlauf, das Risiko einer unerkannt HIV-infizierten Spende beträgt 1:5,3 Millionen. Bei einem neuen Verfahren muss diese Sicherheit aufrechterhalten werden. Schwule Männer haben statistisch ein deutlich höheres HIV-Risiko, weshalb es leider nicht möglich ist, die Blutspende für schwule Männer ohne weiteres zu öffnen.

Norbert Karsunke erläutert: „Die Paderborner sowie die Deutsche AIDS-Hilfe fordern die Verantwortlichen daher dazu auf, in ihrem Bemühen nach einem besseren Verfahren nicht nachzulassen. Der Ausschluss bei Knochenmark- und Stammzellspenden sollte umgehend aufgehoben werden. Ob es hier einen passenden Spender gibt ist im Einzelfall lebenswichtig, zudem bleibt in diesem Fall genug Zeit für ausführliche Beratungen und Blutuntersuchungen.“

 

Weitere Informationen auf den Seiten der Deutschen AIDS-Hilfe: https://www.aidshilfe.de/blutspendeverbot-schwule-bisexuelle-maenner